Freiburger Stadtkurier - Immo Zeitung

Weniger Auflagen -

Der Geschäftsführer Hans-Peter Unmüssig im Gespräch mit der Immo-Zeitung.

Seit 71 Jahren ist das Freiburger Unternehmen Unmüssig in Freiburg und inzwischen auch bundesweit aktiv. Schwerpunkt der Geschäftstätigkeiten ist die Projektentwicklung. Geschäftsführer Peter Unmüßig ist seit 40 Jahren im Unternehmen, das sein Vater gegründet, hat tätig. Mit der Immo-Zeitung sprach er über einige aktuelle Projekte.

IZF: Herr Unmüßig, Bundesbauministerin Barbara Hendricks hat mit dem „Urbanen Gebiet“ das Bauplanungsrecht reformiert. Was halten Sie von dem Vorstoß einer verstärkten Vermischung der Bereiche Wohnen, Leben und Arbeiten?

Peter Unmüßig: Das ganze entspricht der Lebenswirklichkeit. Die Bereiche Leben, Wohnen und Arbeiten sind in unseren Städten heute oft künstlich bzw. durch Gesetzesvorschriften getrennt, weil sie in Gewerbegebiet, Wohnviertel und Innenstadt unterteilt sind. In den ursprünglichen Dörfern und Städten haben die Menschen gewohnt und gearbeitet. Wo Menschen zusammen kommen, da wird geredet, da kann es auch mal lauter werden. Es ist auch aus ökologischen und ökonomischen Gründen sinnvoll, die einzelnen Bereiche zusammenzuführen. Je kompakter ein Viertel ist, desto besser.

Sollte der Vorstoß nur erfolgen, um der Wohnungsnot zu begegnen, ist der Ansatz verkürzt. Die neue Gebietskategorie kann auch eine Reaktion auf das verstärkte ökologische Denken sein. Und das Lebensgefühl ist heute ein anderes als vor einigen Jahrzehnten. Es wird mehr kommuniziert, vermischte Stadtteile tragen dem mehr Rechnung. Blindwütiger Aktionismus kann beim Thema Wohnungsnot nicht sinnvoll sein, aber jeder Wurf, jede Idee, auch wenn sie noch so klein ist, führt ein Stück näher dem Ziel entgegen.

IZF: Projektentwickler denken langfristig. Wie nehmen Sie die Änderungen auf? Gehen die Westarkaden nicht in diese Richtung?

Peter Unmüßig: Die Idee vom urbanen Wohnen ist nicht nobelpreisverdächtig, sie folgt dem Lebensgefühl der heutigen Bevölkerung, die wieder mehr inspirierende Nähe sucht. Schon vor zehn Jahren war uns klar, dass der Wohnungsbau in diese Richtung gehen sollte. den Westarkaden haben wir unser Konzept “Städtle in der Stadt“, das quasi die exakte Umsetzung der neuen Gebietskategorie ist, realisiert. Die vorhandene Infrastruktur wurde weitestgehend genutzt und sie wird durch die Verdichtung stärker ausgelastet.

IZF: Wie dicht darf Bebauung sein?

Peter Unmüßig: Das ist ein individuelles Empfinden. Ein Hochhaus kann ein attraktiver Wohnraum sein, für ein junges Paar oder Rentner. Für eine Familie mit mehreren Kindern ist es eher nicht die ideale Wohnform. Da sind Reihenhäuser die bessere Variante. Es ist also eine Nutzerfrage, aber auch eine Frage des Zeitgeistes. Offensichtlich empfinden die Menschen heute größere Nähe eher positiv als störend. Nachbarschaft wird gepflegt, Teilen ist ein aktuelles Thema (z.B. Carsharing). Soziologisch gesehen ist Nähe überwiegend positiv. Wer miteinander redet, streitet weniger.

IZF: Fließt etwas von diesen Ideen in das von Ihnen erworbene ehemalige Einkaufszentrum Landwasser ein?

Peter Unmüßig: Ja, absolut. Es bietet sich an, hier das erfolgreiche Konzept des “Städtle in der Stadt“ umzusetzen. Wir machen das im Rahmen eines Architektenwettbewerbs und die Wünsche der Anwohner werden, sofern wirtschaftlich vertretbar, berücksichtigt. Im Erdgeschoß wird es einen Kommunikationsbereich geben, einen Ort für urbanes Leben, der gemeinschaftsbildend funktioniert. Ich halte die Westarkaden für gut. In Landwasser schaffen die Experten die Rahmenbedingungen. Über Architektur kann man streiten. Wir könnten einfach auch Villenviertel bauen, wir sind jedoch der Überzeugung, dass Mietwohnungen zu bauen, frei und öffentlich gefördert, die verantwortungsbewusstere Lösung ist. Wir wollen mit unseren Bauten ein harmonisches Umfeld schaffen und haben keine Kosten und Mühen gescheut, um auch hier einen Architektenwettbewerb auszuloben. Es wird zum Beispiel einen Vollsortimenter, einen Drogeriemarkt und ein Bürgerbegegnungszentrum geben. Im Juni gab es zudem eine Informationsveranstaltung, zu der alle Anwohner eingeladen waren.

(Mit einer großen Tombola zur Namensfindung für das Projekt des neuen EKZ, hatte Unmüssig einen Gutschein für den Europa-Park ausgelobt. Gut 500 Teilnehmer haben ihre Wahl aus den Vorschlägen von Unmüssig getroffen bzw. z. T. eigene passende Ideen in die Lostrommel geworfen. Die Gewinnziehung erfolgte bei der gut besuchten EKZ-Info-Veranstaltung in der Zachäusgemeinde. Die glückliche Gewinnerin war anwesend und konnte den Gutschein direkt in Empfang nehmen. Anm. der Redaktion)

IZF: Wie wird Ihr Konzept „Westarkaden“ in anderen Städten angenommen?

Peter Unmüßig: In Freiburg hatten wir bei den Westarkaden unseren besten Vermietungserfolg. 70 Prozent der Wohnungen waren vor der Fertigstellung vergeben, der Rest wenige Wochen danach. Es gibt manche Städte, deren Vertreter auf uns zukommen und gerne ähnliches Projekt entwickeln würden. In Heidelberg etwa werden die Westarkaden dort sehr gut angenommen, auch von der Politik. Man darf aber nicht vergessen, dass das ganze finanziert werden muss. Ohne die Kapitalgeber ließen sich solche Projekte nicht zu den relativ günstigen Mietpreisen realisieren. Der Staat schafft es nicht, mit seinen Mitteln Private zum Bau von mehr Wohnraum zu bewegen.

IZF: Besteht die Möglichkeit etwa durch Standardisierung Baukosten zu senken?

Peter Unmüßig: Die Preise sinken nicht durch standardisiertes Bauen, sondern durch weniger Auflagen, vor allem im energetischen Bereich. Gute Architektur kostet auch nicht viel mehr, kann aber viel mehr bewirken, vor allem wenn sie mit Herzblut gemacht ist. Auch Fertigbauten wie Plattenbauten bringen kaum Ersparnis, kosten aber vor allem später viel, wenn saniert werden muss.

Zudem sind es die hohen Grundstückspreise, die die Baukosten verteuern. Und wir leisten uns einen enormen Luxus durch zusätzliche Anforderungen. In Heidelberg beispielsweise mussten wir jetzt bei einem Neubau mit 400 Wohnungen für drei Millionen Euro eine Fläche von 1.500 Quadratmetern für Fahrradabstellplätze errichten, überdacht. Dadurch wird wohnen natürlich nicht billiger.

IZF: Wie stellen Sie sich das Neubaugebiet Dietenbach vor?

Peter Unmüßig: Auch hier gilt, dass die städtischen Experten die Grundvoraussetzungen schaffen. Ich denke es ist eine gute Entscheidung, dass die Koordination jetzt in den Händen der Sparkasse liegt. Das ist in allseitigem Interesse. Das vorherige extrem niedrige Angebot mussten die Grundstückseigentümer als Provokation empfinden. Das Gebiet lässt sich jetzt mit der Sparkasse positiv entwickeln.

IZF: In Emmendingen hat Unmüssig das Grundstück „Neuer Markt“ gekauft. Wie geht es hier weiter?

Peter Unmüßig: Es war sehr angenehm zu erleben, dass die Verwaltung hier mit uns an einem?Strang gezogen hat. Man muss allerdings dazu sagen, dass es drei bis vier Jahre gedauert hat, bis es zu dieser Lösung kam. Der Oberbürgermeister Stefan Schlatterer war sich nicht zu schade, sich auch mit Details zu beschäftigen, um so festgefahrene Positionen zu lösen. Im Prinzip ist das ein Stück Stadtentwicklung, die den ursprünglichen Marktplatz wieder herstellt. Die Lage in der historischen Altstadt ist hervorragend.

IZF: Und was wünschen Sie sich für die Zukunft Freiburgs?

Peter Unmüßig: Es gibt noch viele faszinierende Themen. Zum Beispiel den Dreisamboulevard, die Neugestaltung des Gebietes rund um den Schloßberg bei einem Bau des Stadttunnels. Im Bereich der weiteren Stadtentwicklung und neuer Siedlungsräume gäbe es auch noch viel Potenzial, nicht Richtung Schwarzwald, aber in Richtung Rheinschiene.

Mit Peter Unmüßig sprach Nils Kickert.